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Alphabetisierung funktionaler Analphabeten

Wissenschaftliche Grundlage: Leo-Studie

Nach einer Studie im Jahr 2006 leben in Sachsen ca. 200.000 funktionale Analphabeten.

Die Leo.-level-One-Studie der Uni Hamburg zu den Schriftsprachkompetenzen Erwachsener erbrachte neue Erkenntnisse: sogar 14,5% der deutschen Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren, das sind etwa 7,5 Millionen Erwerbsfähige, müssen als funktionale Analphabeten bezeichnet werden.

Funktionale Analphabeten sind nicht in der Lage, Schriftsprache im Alltag so zu gebrauchen, wie es allgemein vorausgesetzt wird. Sie können meist Buchstaben, einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben, jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes oder von Tabellen und Grafiken gar nicht, zu lückenhaft oder zu langsam erschließen. Eigene Texte verständlich zu formulieren und lesbar aufzuschreiben gelingt ihnen oft nicht. Große Schwierigkeiten und Benachteiligungen im Alltag und erhebliche Vermittlungshemmnisse auf dem Arbeitsmarkt sind oft die Folge. Wesentliches Ziel der Alphabetisierungsarbeit ist es, diesen Menschen Mut zu machen und Lernangebote bereitzustellen. Alphabetisierungskurse helfen Erwachsenen beim Erlernen alltagstauglicher Lese- und Schreibfähigkeiten. Sie sollen damit die Beschäftigungsfähigkeit der Teilnehmer erhöhen und die Chancen auf soziale Integration verbessern. Bestandteil der Kurse sind auch sozialpädagogische Unterstützung für die Bewältigung von Lernhemmnissen sowie Praxisphasen zur Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Angesichts der hohen Zahl funktionaler Analphabeten ist es nötig, ausreichend Alphabetisierungsmaßnahmen anzubieten, um den Lerninteressenten eine Chance einzuräumen. Mit Hilfe der umfangreichen Mittel aus dem ESF können zahlreiche Kurse in ganz Sachsen angeboten werden.  Auch die regulären Programme der Volkshochschulen enthalten Angebote zum Erlernen oder Auffrischen von Lese- und Schreibkompetenzen. Außerdem werden Projekte mit funktionalen Analphabeten umgesetzt, um neuartige Lernangebote zu erproben.  

Um in Kurse einzumünden müssen sich die Betroffenen nach jahrelangem Verbergen zunächst trauen, über ihr Problem zu sprechen. Ansprechpartner und Vertrauenspersonen können neben Familienangehörigen, Freunden und Arbeitskollegen zum Beispiel Mitarbeitende von Einrichtungen der Familienbildung, Jugend- und Sozialhilfe, des Verbraucherschutzes, Sport- und Kultureinrichtungen, die kommunalen Verwaltungen, Bibliotheken, Ärzte, Erzieher und Lehrer sein, welche beruflich oder im Sozialraum in Kontakt mit ihnen kommen. Daher benötigen solche „Schlüsselpersonen“ Kenntnisse darüber, wie sie funktionale Analphabeten ansprechen und unterstützen können und wo Lernangebote bestehen.

Beratung und fachliche Angebote

Eine Koordinierungsstelle für die Alphabetisierung und Grundbildung in Sachsen ist seit 2010 Bestandteil der landesseitig initiierten Alphabetisierungsmaßnahmen.

Die vom Freistaat Sachsen und mit ESF-Plus-Mitteln im FZR 2023-2025 geförderte Fach- und Koordinierungsstelle verstärkt die Wirksamkeit von Lernangeboten im Bereich Alphabetisierung. Sie trägt zur Qualitätsentwicklung sowie einer flächendeckenden Angebotsstruktur bei und leistet landesweite Öffentlichkeitsarbeit. Träger der ALFAplus Koordinierungsstelle für Alphabetisierung und Grundbildung ist seit 2023 der Sächsische Volkshochschulverband.  ALFAplus übernimmt die Rolle einer zentralen Kontaktstelle, unterstützt den Fachaustausch, vernetzt Träger und bündelt wichtige Informationen. Die Fachstelle liefert darüber hinaus Impulse für eine strategische Weiterentwicklung der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit.
 

Aufklärung statt Tabuisierung

In den vergangenen Jahren wurde durch die MitarbeiterInnen von  »koalpha« , mit größeren und kleineren Aktionen in der Öffentlichkeit zum Thema funktionaler Analphabetismus informiert (u.a. Themenplakate in ÖPNV aller sächsischen Verkehrsverbünde, Citycards, laufende Buchstaben, Beteiligung an Veranstaltungen mit ihrem Info-Stand, Informationsveranstaltungen für Institutionen). Ziel war und ist es, die Öffentlichkeit für die Situation der Betroffenen zu sensibilisieren, Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen und zur Unterstützung zu befähigen. Die Aufklärung über Entstehung und Auswirkungen von funktionalem Analphabetismus für den Einzelnen und die Gesellschaft soll dazu beitragen, dass das Lesen und Schreiben zu lernen im Erwachsenenalter kein Tabu ist.  Mit Hilfe einer  zentralen kostenlosen Telefonnummer sowie Informationen auf Flyern und der Homepage sollen die Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeiten sowie die Angebote an ESF-geförderten Alphabetisierungskursen weiter bekannt gemacht werden.

Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

Bund und Länder wollen gemeinsam mit zahlreichen gesellschaftlichen Kräften weiter dafür eintreten, dass der funktionale Analphabetismus Erwachsener in Deutschland spürbar verringert und das Grundbildungsniveau erhöht werden. Dafür wurde 2016 eine Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung gestartet. Alle Akteure der Alphabetisierung haben erkennen müssen, dass die Aufgabe, den funktionalen Analphabetismus Erwachsener zu überwinden, mühsam und anspruchsvoll ist. Sie kann nur gemeinsam mit vielen gesellschaftlichen Partnern vorangetrieben werden. Funktionaler Analphabetismus hat sowohl Ursachen, Auswirkungen als auch Überwindungschancen in vielen Bereichen des Lebens. Das Zusammenwirken aller Lebensbereiche ist nötig, um den Betroffenen neue Chancen zu vermitteln und deren Lebenssituation zu verbessern. Langfristig wird damit auch zur Stärkung von Wirtschaft und Gesellschaft beigetragen.

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